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ZUM GELEIT

Hebbel und Wien - ein notwendiges Avant propos
Gegen (oder wider) ein Mißverständnis

(Bild: Wendelin Schmidt-Dengler (O-Töne 2007) - Auf Bild klicken um zu vergrößern)

Wien hat an Hebbel viel gut zu machen; der Dank der Stadt, in der Hebbel lebte, ist im Vergleich zum Dank an andere, die ihn hätten am Leben halten können und müssen, gering. Ich denke hier vor allem an die großen Regisseure, die sein Bühnenwerk auch für eine neue Bühne hätten verfügbar machen können (schließlich ist sehr viel an Ansätzen für eine solche in seinem Werk vorhanden), ich denke an die Literaturkritik und auch an die Literaturwissenschaft.

Hebbel gehört in die Reihe jener vielen Dichter und Gelehrten, die aus dem Auslande, im besonderen aus Deutschland kamen, hier begeistert empfangen wurden, was oft über die Tatsache hinwegtäuschte, dass die Wiener mit ihren schönen euphemistischen Reden eigentlich über eine Bruchlandung hinwegtäuschen wollten.

Wir müssen aber heute nicht Partei ergreifen für Hebbel gegen Nestroy, für Hebbel gegen Stifter, für Hebbel gegen Grillparzer. Es lohnte sich viel eher, ganz im Sinne einer sinnvoll verstandenen Aufklärung eben diese Gegensätze als das Wesentliche an der Literaturgeschichte zu begreifen und daraus nicht ein simples Für und Wider zu machen. Die Besonderheit der Literatur in Österreich erhält ihre Konturen erst, wenn man einen angemessenen Maßstab für den Vergleich hat. Die Größe Stifters in der Gestaltung des Kleinen zu erkennen, darf nicht notwendig bedeuten, die Größe Hebbels, der sich an der Geschichte entzündet, zu verkennen. Solche Missverständnisse höchst provinzieller Natur zu beseitigen, das wäre die Aufklärungsarbeit, die Literaturwissenschaft heute zu leisten hat.

Jemand, der Hebbel außerordentlich schätzte, war der scharfsinnige Schriftsteller und Literaturkritiker Robert Musil. Seine kritische Wendung eben gegen dieses Wien fasst das Problem in höchst prägnanter Weise: „Eine Theaterstadt für alles Nebenbei und Hintenherum des Theaters, aber nicht für seine Kunst. Sie ist verrottet, weil sie unvergleichlich mehr sein könnte, diese Stadt, in der Hebbel gelebt, aber nicht gewirkt, die Grillparzer verdorren ließ und auch heute noch alles, was Ansatz zu hohem Wuchs zeigt, sorgsam von den Schling- und Schliefgewächsen nieder drücken lässt."

Musil stellte Goethe, Hebbel und Büchner in eine Reihe und spricht von dem deutschen Ideendrama. Dieses fängt nicht „diffuses Licht" auf, sondern bewegt „Menschen durch bestimmte geistige Strahlen, die, nebenbei bemerkt, von ihnen selbst ausgehen müssen", wozu auch eine „Ideologische Landschaft und Konstruktionsfähigkeit" gehört, wobei es nicht nur darum geht, „nur Personen zu schaffen, sondern auch das Bild, in dem sie stehen, den Rahmen, die Wand, das Haus, ja einen neuen Raum; und nicht nur muss dies alles von der Leidenschaft eines Denker aufgebaut werden, sondern es muss auch wieder durchsichtig und unsichtbar werden, so dass man es nur an der Bewegung der Personen gewahrt, die darin leben und allmählich dem Zuschauer das Erkennen lehren". Und Musil beschließt diesen Gedankengang mit folgenden Worten: „Der letzte, der dies getroffen hat, war Hebbel, wie immer man zum Inhalt seiner Ideen stehen mag; von Ibsen sind wohl die Personen geblieben, aber die Ideen, die sie bewegen, hatten nicht jene persönliche Kraft, die von Wahr, Falsch und vom Wandel der Zeiten ebenso unabhängig machen, wie es die Weltanschauung eines Irren oder eines Genies ist." (1924, 1665)

An einer anderen Stelle lässt er sich wie folgt vernehmen: „Heimatkunst: das ist das Vereinsbanner der Leute, die das Wimmerl im eigenen Gesicht erhabener dünkt als der Monte Rosa auf Schweizer Gebiet. Es gibt sie bei allen Nationen; ich fühle nicht mit ihnen, was sie aber nicht gehindert hat, sich wie ein Ausschlag in sämtlichen Landesfarben zu verbreiten. Ich möchte deshalb auch nicht gerade Wien die Berechtigung bestreiten, das sich in diesen Tagen ein Johann Strauß Denkmal gesetzt hat, obgleich es, so viel ich weiß, noch kein Hebbel Denkmal besitzt."

Musil wehrt sich gegen die „Gepflogenheit, dass wir Deutsche immer einen größten Dichter haben müssen - gewissermaßen einen Langen Kerl der Literatur". - Das sei „eine üble Gedankenlosigkeit [...]. Denken Sie einen Augenblick daran, dass das schmächtige Werk Hardenbergs und Hölderlins zur gleichen Zeit entstanden ist, wo sich das mächtige Werk Goethes vollendete; dass gleichzeitig mit den Riesenwürfen von Hebbels dramatischem Würfelspiel die knappen Entwürfe Büchners entstanden sind".

Wenn sich heute ein Autor wie Josef Winkler (Jahrgang 1953), einer der radikalsten und intensivsten Schreibenden unserer Gegenwart, daran macht, die Tagebücher Hebbels neu zu lesen, sein Grab auf dem Matzleinsdorfer Friedhof erst nach langem Suchen findet, so ist dies ein Indiz dafür, wie viel an poetischer und kognitiver Kraft in Hebbels Werk auch für diese Generation gespeichert ist, es ist aber auch ein Indiz dafür, wie sorglos hier noch der Umgang mit jener Tradition ist, die man so gemütlich sich nicht einverleiben kann, wie man sich dies sonst zu tun gewohnt ist.

Wendelin Schmidt-Dengler













Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 17. Januar 2010 um 10:59 Uhr
 
   
 

 

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